Montag, 9. März 2009

2 - Die Zeit oder das Mysterium

Achja die gute alte Zeit. Wo hatte man sich nicht alles an Zeiten gehalten? Als kleines Kind an die Essenszeiten, die fest eingehalten werden sollten, damit es im Magen ja nicht rumort, dann an die Schulzeiten (und das sollte noch ins Erwachsenenleben hineinreichen), die Trainingszeiten, die Abfahrtszeiten für Busse, Bahn oder Mitfahrgelegenheiten, die Prüfungszeiten oder an die deftigen Brotzeiten zwischendurch, die „Du-kommst-aber-vor-Zwölf-nach-Hause“- Zeiten und natürlich an die Freizeiten (wobei hier auch nochmal unterschieden werden könnte, aber das würde zu lange dauern).
Er saß bei einer recht guten Tasse Tee an seinem kleinen von „seinem“ Schreiner neu gebauten Schreibtisch und genoss die eben noch nicht erwähnte Feierabendszeit, indem er sich Gedanken über die Zeit machte, die er seit einigen Monaten durch mindestens tausend verschiedene Blickwinkel gesehen und gedanklich durch mehrere hundert Fleischwölfe gedreht hatte. Wie dreht man die Zeit durch einen Fleischwolf? Das können wohl eigentlich nur diejenigen nachvollziehen, weitererzählen und erklären, die eine längere Zeit im Ausland waren, dabei ein wenig Probleme beim Einleben hatten und ihr Zuhause zu sehr, ja fast schon irrational stark, vermisst haben. So schwer ist das nämlich gar nicht mit dem Fleischwolf und der Zeit. Ich nehme mal mich als Beispiel, begonn er in Gedanken zu sinnieren. Ich bin hier letzten September angekommen, das sind jetzt in einer Woche gut 5 Monate, die ich nicht mehr auf heimischem Boden verbracht habe. Die 5 Monate sind ungefähr 150 Tage von gut 365, die ich hier insgesamt verbringe. Bleiben also noch 215 Tage, was so gut wie sieben Monate sind. Am Donnerstag vor 7 Monaten war ich auf einem Open Air Konzert, was der Hammer war. Moment, wie fühlt sich das an nochmal solange hier zu sein?
Keinen Plan, also weiter mit der Rechnung, die bestimmt zu etwas führen wird.
In gut 8 Monaten und einer Woche bin ich dann also schon einen Monat wieder zuhause, also das heißt, dass ich dann auch schon angefangen habe zu studieren. Vor 8 Monaten war mein Abi grad über die Bühne gegangen und hatte sich sogleich in den Sommerferien verabschiedet, um jetzt ein Jahr Auszeit zu nehmen. So weit weg kommen mir die letzten Prüfungen gar nicht vor, also kanns ja nicht mehr so schlimm sein noch 8 Monate auf meine Besten zuhause warten zu müssen.
Jetzt kam er nicht mehr weiter mit seinen Gedanken, die Zeit hatte sich im Fleischwolf verfangen und es war klar, dass er zu keinem sinnigen Schluss kommen würde. Warum er sich all diese Gedanken machte, war ihm schon klar und ein wenig unheimlich. Es bedeutete schon, dass er sich sehr nach Zuhause sehnte. Er konnte es sich so gut gehen lassen wie er wollte, so wie er es im Moment bei dieser wirklich guten (um es nochmal zu betonen) Tasse Tee tat, so richtig wurde er die Sehnsucht nicht los.
Ob das nun ein wirklich schlechtes oder ein normales oder ein beruhigendes Zeichen war konnte er sich nicht beantworten. Eins konnte er aber sagen: er hatte sich im Berechnen von Monaten, Tagen, Stunden und Minuten unheimlich verbessert, die Zeit war für ihn kein Mysterium mehr. Andererseits war es genau das, ein Mysterium, das ihn dieses ganze Jahr begleiten wird und ihm ruhelose Gedanken bereiten wird.
Einen Gedanken, der ihm gerade in den Sinn gekommen war, fand er aufbauend und logisch zugleich. Eigentlich, so sagte er sich, sieht es im Moment so aus, als ob ich das Berechnen der Zeit nur dem Berechnen der Zeit zuliebe mache, nicht weil ich unstillbare Sehnsucht nach Zuhause habe. Einmal damit angefangen ist es halt schwer wieder aufzuhören, bestärkte er sich in seiner Idee, die ihm heute mal etwas Druck von ihm nehmen sollte. Den Druck endlich die Zeit begreifen zu können, endlich Ruhe zu finden, im Angesicht der Zeit, die ihm hier noch blieb und die auf ihn zu Hause wartete. Diese Ruhe ist wohl das A und O der ganzen Geschichte hier, der Schlüssel zur Zufriedenheit. Wenn ich für mich selbst die Zeit akzeptiert habe, habe ich Ruhe und die Ruhe hilft mir zu genießen und nicht alles in eine Zeitrechnungsformel einzubeziehen.
Er schaute auf seine Uhr und bemerkte, dass er 10 Minuten zu spät zum Meeting kommen würde, das er selbst einberufen hatte. Mit seinen Unterlagen im Arm schlenderte er Richtung Sitzecke, wo das Meeting stattfinden sollte. Er wusste, wie es kommen würde – und er sollte Recht behalten.
Ja, er war nicht nur 10 sondern ganze 15 Minuten zu spät, aber außer ihm war nur noch Kate da, eine von den 4 erwarteten Freiwilligen mit denen er zusammenarbeitete. Er schaute auf die Wanduhr im Büro, die seines Erachtens nach 15 Minuten nachging, im Office aber Gültigkeit besaß. Das Problem bei der ganzen Geschichte war nur, dass jede Uhr im Büro Gültigkeit besaß und dass jede dieser Uhren anders ging. Eine Sache, die er in Kamerun mit Erstaunen immer öfter feststellte – es gab nicht DIE eine Uhrzeit, es gab Uhrzeiten und das hatte durchaus Vorteile, jeder war pünktlich, es war nur eine Frage der Auslegung.
Es muss schwer sein als Kameruner die Zeit durch einen Fleischwolf zu drehen. Der Gedanke machte ihm Mut, er musste lächeln und machte sich auf dem Sofa bereit einige Zeit zu warten.

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