Montag, 9. März 2009

1 - Die erste Erkenntnis

Das,was er hier jetzt schon seit über 4 Monaten machte war ihm auch bis jetzt noch nicht wirklich klar.
Ein paar Dinge aber schon: er wusste, dass er sich verändert hatte, nicht nur körperlich (afrikanisches Essen setzt an, das war mit die erste Sache die er gelernt hatte hier), sondern auch hinsichtlich seiner Einstellungen und Weltanschauungen. Vieles war realistischer geworden, weniger auf Halbwissen aufbauend, sondern hautnah erlebt – er konnte sagen, dass Afrika nicht nur dunkel und die Menschen nicht nur böse und kriegerisch, wie auch seine Länder. Vielleicht wusste er jetzt auch, dass Afrika nicht nur ein Land war, aber dafür mangelte es ihm wohl noch an Erfahrung. Was er aber ganz entschieden mitgenommen hatte, war die Veränderung seiner Einstellung gegenüber der Arbeit, die er hier leistete und über seinen europäischen Blick auf die Kultur und die Menschen, die er hier kennengelernt hatte. Er wusste, dass es nicht leicht ist, seine Wäsche mit den Händen zu waschen, er wusste auch, dass man als „Weißer“ hier eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht bekam und eine Verantwortung damit einherging, die er nur jetzt nachdem er soviele Europäer hier getroffen hatte, verstehen konnte.
Es ist nicht so, dass die Europäer oder Amerikaner irgendwen in diesem Land missionieren müssen oder dürfen. Es geht vielmehr um das Schlagen von Brücken zwischen zwei Welten, deren Kluft von der einen jahrhundertelang vergrößert worden war.
Als er so darüber nachdachte viel ihm auf, wie sehr ihn der Abend vor kurzem besonders beschäftigte und zusetzte.
„Wenn ich meinem Diener auch noch sagen muss, dass er bitte meine Essensvorräte auffüllt, wenn ich aus dem Urlaub komme, dann läuft da was ganz schief. Die sind hier aber auch alle so unfreundlich und respektlos, kann ich ja nicht verstehen.“Die Sätze waren ihm noch so klar im Gedächtnis als wäre es erst gestern gewesen, obwohl dass ja auch komisch klingt, weil es auch wirklich erst vorgestern gewesen war, naja egal, dachte er sich.
Erschreckend war schon, dass er so Sätze aus dem Mund von Deutschen, die er hier getroffen hatte, hören musste und dann noch nicht mal Touristen, sondern Leute, die hier jahrelang arbeiteten und denen die Ungleichheit der Welt eigentlich deutlicher sein müsste und deren Handeln beeinflussen sollte. Wie kann man Brücken bauen oder Vorurteile auf beiden Seiten abbauen, wenn man sich Bedienstete hält und diese behandelt wie in der guten alten Kolonialzeit? Das war eine Frage auf die er eigentlich nur eine Antwort hatte: gar nicht.
Er wusste und dass war ihm auch wichtig eigentlich, dass er auch nicht frei von Vorurteilen war und auch er musste oft erkennen, dass mit seinem Denken und seinem Handeln während der Arbeit eine gewisse Arroganz einherging, die schwer war abzustellen. Diese Arroganz doch alles zu wissen, als Europäer, doch die besseren Arbeitsweisen zu kennen und Lösungsvorschläge zu machen. Dabei war in diesem Land, in dem er jetzt für ein Jahr lebte mehr Wissen über sein Heimatland vorhanden, als er jemals über dieses fremde Land gewusst hatte, bevor er hier her kam. Das zeigt auch die Ungleichheit. Wir lernen nichts über Afrika und wenn dann darüber, dass Afrika nicht nur ein Land ist, wobei wir trotzdem genau das in unseren Köpfen behalten. Auf der anderen Seite der Kluft zwischen den Welten wird aber alles was mit Geschichte zu tun hat mit uns in Verbindungen gebracht und unsere Geschichte von kleinauf gelehrt und gelernt.
Irgendwie sollten wir doch mal aufhören uns als verschiedene Menschen zu betrachten, dachte er sich. Eigentlich sind wir alle doch Menschen, egal ob schwarz oder weiß. Boah, das hört sich jetzt wieder so neunmalklug an und poetisch aber es war im Enddefekt so, dass wurde ihm immer bewusster. Aber zugleich fühlte er sich schwach bei dem Gedanken, dass es sich so schnell nicht ändern wird, dass unsere Kultur am Ende der Entwicklung steht und alle anderen Länder der Welt unseren Stand erreichen müssen, wir als Krone der Schöpfung. Wie pervers das klang und ist, dachte er sich, bevor ihm klar wurde, dass genau so Menschen, wie er sie letztens getroffen hatte, vieles kaputt machen, was vielleicht mal Brückenansätze gewesen waren. In ihren dicken Geländewagen mit Chauffeur, ihren Bediensteten und ihrem Satelittenfernsehen lebten sie ein Leben mit europäischem Luxusstandart in einem Land, in dem 45% der Bevölkerung mit unter einem Dollar pro Tag auskommen mussten.
Wenn wir als eine Welt irgendwann mal zusammenstehen wollen, dann brauchen wir eine große Brücke. Das Problem im Moment ist nur, dass die Freunde der Brückenbauer an jeden neu gebauten Pfeiler frische Sprengsätze anbringen, um das Projekt ja nicht zu Ende kommen zu lassen. Und wir sitzen alle im selben Boot und schauen uns das Spektakel von dort aus an. Welches Ufer wir ansteuern wissen wir nicht und wir hoffen, dass die Brücke fertig wird, damit es egal ist an welchem Ufer wir ankommen.

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